Lebensklage von Oswald von Wolkenstein

Du schlechte Welt – wie lange mich auch Leib und Gut mit Dir verbinden, ich sehe nur, daß Du ganz nichtig bist in Worten, Taten und Verhalten. Du bist so unbeständig, daß ich dich vorn und hinten nicht versteh! Mit Lug und Trug kannst Du allein entgelten; mit Mühe, Mühsal, großer Last, mit Winkelzügen, Tücke machst du den Weg zur Hölle kurz. Darüber klagt, ihr eitlen Frauen, Männer! Wir streben täglich, Tag und Nacht, nach Ehre und Besitz – erreichen wir, was wir gewünscht, so haben wir zuletzt nicht mehr als magre Speise, dünnes Kleid – und was an guten Taten oben für uns spricht.   So mancher sagt, er wäre mir für immer fest verbunden, er diene mir mit Leib und Gut, das würde sich nicht ändern … Doch käme ich als armer Mann zu ihm, da wünschte er, ich wäre, wo der Pfeffer wächst! Zu Adams Kindern darf man nicht viel Vertrauen haben, nur einem soll man dienen: Gott. Die Welt besteht aus Dreck. Drum wende dich mit Grauen ab und hoff auf Den, der Hilfe bringen kann. Manch guter Mann, er tut mir leid, und ich mir selber auch, weil man doch nicht erkennt, daß wie ein Rauch vergeht, was man so angestrengt der Welt zu Diensten tut. Wo ist der Lohn, wenns heißt: Dies ist der Tod?   Kein ärmres Tier hab ich gefunden unter allen Kreaturen, als eines, das den Fürsten dient. Mit Haut und Haar verkauft man sich an seinen Herrn für kleinen Lohn – das tät ein Esel nicht, und wäre frei! Reit, schlag und stich, stiehl, raub und brenn und schone nicht die Menschen, nimm Roß und Wagen, Huhn und Hahn, zeig keine Rücksicht mehr – du weißt, dein Herr hat Spaß an dir, wenn er dich sieht bei solchem Treiben. Ja, lauf ihm nach und wart auf ihn, (vor allem: ist er Fürst!) schau ständig nach ihm aus, umdiene ihn, damit er dich bemerkt; und falls er huldvoll mal ein Wörtlein sagt, so nimm es als Geschenk des Himmels!   Ihr Vögelchen und auch ihr andren Tiere, wild und zahm, ihr kennt die rechte Liebe: ein jedes sucht sich seinesgleichen, ein jedes Männchen hat sein Weibchen, wenn Not ist, helft Ihr gegenseitig. Doch meine Freunde – sie würden zusehn, wie ich krumm werd, lahm, eh mich mal einer unterstützte! Und könnte man mich damit retten, Gesundheit geben, Schmerzen nehmen – ich würde eher wie der Schnee vergehn! Die Liebe, die ein Mensch dem anderen erweist, sie hätte keinen Wert, gäb es nicht Aussicht auf Geschenke und Hoffnung auf Besitz. Dem eignen Kind wär ich zuviel, wenn es auf Dauer keinen Nutzen von mir hätte.   Und könnte ich mir ganz nach Lust, recht wie es mir gefällt, das Leben selbst gestalten, mit allem Philosophenwissen – ich könnte es nicht richtig planen, es ginge mir auf Dauer alles schief. Was hilft denn meine Gier nach viel Besitz, gesellschaftlichem Rang, was hilft mir Silber oder Gold, was hilft die Frauenliebe, wenn Weltlust rasch entwertet wird, und ich doch weiß, daß ich bald sterben muß. Mach nur Turniere, lauf, tanz, spring, auf einem großen Platz, s sorg nur für Kurzweil, Hofplaisir, mach Sprünge wie die Katz – der sobald der Spaß vorüber ist, geh noch mal hin: da ist die Stätte öd.   Mich wundert sehr, daß wir so fest auf diese Erde bauen und sehen doch, wie es vergeht. Wo sind denn meine Freunde und Kumpane? Wo meine Eltern und die Ahnen? Wo sind wir alle denn nach mehr als hundert Jahren? Mich wundert außerdem, daß ich nie loskam von der Frau, die mich so lang betrogen hat und mir nur Unglück brachte; mich hat mein eitler Sinn verblendet, ich sah nicht, daß sie mir gefährlich war. Wir bauen uns den größten Tand an Häusern, schönen Burgen – dabei reicht schlichtes Mauerwerk, daß wir uns überdauern. Hört Brüder, Schwestern, arm und reich: Baut nur auf Den, der euch auf ewig schützt.

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